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Ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit der Ornithologischen Gesellschaft im Münchener Raum: Das Ramsar-Gebiet "Ismaninger Speichersee mit Fischteichen" Der "Ismaninger Speichersee mit Fischteichen" (Bild 1) nimmt unter den in Bayern liegenden Feuchtgebieten Internationaler Bedeutung (FIB) gemäß Ramsar-Konvention, eine Sonderstellung ein: Im Unterschied zu den 6 anderen bayerischen Ramsar-Gebieten liegt seine Bedeutung weniger in seiner Funktion als Rast- und Winterquartier für Wasservögel. Das Ismaninger Teichgebiet ist vielmehr eines von ganz wenigen Mauserzentren in Europa für mehr als fünfzigtausend Wasservögel, die hier jeden Sommer ihre Flugfedern erneuern. Das gesamte Gebiet ist seit der Errichtung des Speichersees im Eigentum des Energieversorgungsunternehmens Bayernwerk Wasserkraft AG (BWK). Der Süddamm des Westbeckens und die Fischteiche sind als Werksgelände eingezäunt und der Öffentlichkeit nur über organisierte Führungen der Ornithologischen Gesellschaft zugänglich. Auch aus diesem Grunde ist das Gebiet bis heute kein hoheitlich geschütztes Naturschutzgebiet. Im Rahmen eines privatrechtlichen Vertrages zwischen der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern e.V. und der Bayernwerk Wasserkraft AG werden aber die Belange des Naturschutzes im Werkgelände durch die Ornithologische Gesellschaft wahrgenommen und soweit wie möglich im Werksbetrieb berücksichtigt. Die Jagd auf Wasservögel ruht ebenfalls aufgrund privatrechtlicher Vereinbarungen. Die Angelfischerei ist auf die öffentlich zugänglichen Bereiche beschränkt. In den sieben Jahrzehnten seines Bestehens konnte sich das Gebiet somit zu einem naturnahen struktur- und artenreichen Lebensraum von hoher Diversität entwickeln. Die Fauna des Gebietes umfaßt neben Brutkolonien (Bild 2) von Kormoran, Graureiher und Schwarzhalstaucher auch Brutbestände von Drosselrohrsänger und Blaukehlchen, Laubfrosch, mindestens 28 Libellenarten, Biber und bedeutende Fledermausvorkommen. Der Einzugsbereich des Mausergebietes geht weit über die Grenzen Bayerns bzw. Mitteleuropas hinaus und reicht von Nordspanien über Nord- und Osteuropa bis nach Westsibirien. Unter den 20 hier mausernden Wasservogelarten sind sogar extreme Seltenheiten anzutreffen. So kommen alljährlich 3 bis 10 Moorenten zur Mauser in die Fischteiche. Weil diese Art inzwischen weltweit bedroht ist, gelten seit 1996 auch Gebiete mit kleinen Moorentenbeständen als "Schlüsselgebiet". Schon seit Jahrzehnten und als eines der ersten Gebiete ist der Ismaninger Speichersee mit Fischteichen "Europareservat". 1971 wurde es allein aufgrund seiner Bedeutung für mausernde Wasservögel "Feuchtgebiet Internationaler Bedeutung" nach den Kriterien des Ramsar-Abkommens. Auf Vorschlag des Deutschen Rates für Vogelschutz wurde es als "Important Bird Area" (IBA) benannt. Eine Meldung nach Brüssel gemäß der Europäischen Vogelschutzrichtlinie als "Special Protection Area" steht derzeit noch aus, wird aber vom Bayerischen Landesamt für Umweltschutz und vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. nachdrücklich gefordert. Die Ornithologische Gesellschaft in Bayern unterstützt diese Initiative mit der Bereitstellung fundierter fachlicher Grundlagen. Seit 1994 unterliegen die Fischteiche im Gebiet einschneidenden Veränderungen. Nach der Inbetriebnahme einer zweiten biologischen Klärstufe im Jahr 1993 durch die Stadt München sanken die Nährstoffgehalte im zugeführten Abwasser deutlich ab. Die pflanzliche und tierische Produktion (Trophie, Saprobie) der Fischteiche (Klärteiche!) nahm dadurch deutlich ab. Im gleichen Zeitraum nahmen auch die Mauserzahlen z.B. bei Tafelente und Schwarzhalstaucher dramatisch ab (Rückgang der Nahrungsmenge!). In den letzten drei Jahren, mit Unterstützung des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz, hierzu speziell durchgeführte Untersuchungen der Ramsar-Arbeitsgruppe der Ornithologischen Gesellschaft haben aber gezeigt, daß die Verluste an Mauserplatzkapazität je nach Art abgemildert oder ausgeglichen werden können, wenn die bisherige Bewirtschaftung der Fischteiche reduziert oder eingestellt würde (z.B. KÖHLER et al. 1997). Ein Ende der Karpfenwirtschaft in den Ismaninger Fischteichen ist in der Tat absehbar, da wegen der verbesserten Wasserqualität der Auftrag zur biologischen Nachreinigung bereits jetzt dem Grunde nach nicht mehr besteht und da die Wirtschaftlichkeit der Karpfenmast bei verbesserter Wasserqualität weiter abnimmt. Im Jahr 2003 ist die Inbetriebnahme einer dritten Klärstufe durch die Stadt München vorgesehen. Dann ist mit einer weiteren Abnahme der Mauservogelzahlen zu rechnen. Insoweit geht die Entwicklung in die Richtung, wie sie im Ramsar-Bericht Deutschland zum Ismaninger Teichgebiet von MITLACHER (1997) empfohlen wird: "Nach dem Geiste der Ramsar-Konvention sollte auch in künstlich geschaffenen Gebieten der menschliche Einfluß möglichst zurückgedrängt werden." Die im gleichen Bericht noch genannten Zielkollisionen zwischen einer Verbesserung der Wasserqualität und der Erhaltung einzelner Wasservogelbestände scheinen nach o. g. Untersuchungen halbwegs vermeidbar. Voraussetzung dafür ist allerdings der ungeschmälerte Erhalt der derzeitigen Wasserfläche der Fischteiche. Obwohl diese nur ein Viertel der Gesamtfläche einnehmen, mausern hier über ein Drittel aller Wasservögel des Gebietes. Käme zu der nochmaligen Verknappung der Nahrungsgrundlage ab dem Jahr 2003 auch noch eine Verkleinerung der optimalen Mauserhabitate in den Fischteichen, zum Beispiel durch Verlandung nach Reduzierung der Wasserzufuhr, wäre die internationale Bedeutung des Ramsar-Gebietes unkalkulierbar in Frage gestellt. Dann würden in der Tat "viele Enten auf dem Trockenen sitzen". Ein Ramsar-Status wird nicht vergeben, sondern besteht automatisch dann, wenn aus dem Kriterienkatalog (erweiterte Fassung 1996, in MITLACHER 1997 unvollständig, vollständig z.B. in ROSE & SCOTT 1997) "mindestens eines" erfüllt ist. Ohne Berücksichtigung von Punkt 4, der sich mit Fischen befaßt, erfüllt das "Ismaninger Teichgebiet mit Fischteichen" vier von elf möglichen Kriterien: 2.a) Es beherbergt eine ansehnliche Anzahl seltener, bedrohter oder gefährdeter Arten von Pflanzen oder Tieren ... oder eine bemerkenswerte Anzahl an Individuen dieser Arten. 2.c) Es ist als Habitat für Pflanzen oder Tiere in einem kritischen Stadium ihrer biologischen Entwicklungszyklen von besonderem Wert (hier: Großgefiedermauser mit 4-6wöchiger Flugunfähigkeit) 3.a) Es beherbergt regelmäßig 20 000 Wasservögel (tatsächlich überschreitet es dieses Limit) 3.c) Es beherbergt regelmäßig 1% der zugehörigen Populationen der Schnatter-, Kolben- und Reiherente. Die Empfehlung von MITLACHER, z.B. für das FIB "Ismaninger Speichersee", "...es sollte auch über Flächenänderungen oder die Benennung von Ersatz- und Ausgleichsgebieten nachgedacht werden...", geht mindestens rückblickend zweifellos an der Wirklichkeit vorbei. Seit 1994 hat sich gezeigt, daß kein einziges Feuchtgebiet, nicht in Bayern und nicht in Mitteleuropa, in der Lage war, die Funktion des Ismaninger Teichgebietes als Mauserzentrum auszugleichen. Im Gegenteil zeichnet sich ab, daß der sommerliche Freizeitdruck an den großen bayerischen Seen einschließlich der bayerischen Ramsar-Gebiete dies dauerhaft unmöglich macht. Daraus läßt sich nur der Schluß ziehen, daß das bestehende Gebiet zu bewahren und fortzuentwickeln ist. In den nächsten Jahren steht als weitere Entscheidung von großer Bedeutung für das Ramsar-Gebiet die Neuverteilung der Wassermengen der Isar am Oberföhringer Wehr zwischen Isar und Mittlerem Isar-Kanal durch den Freistaat Bayern an. Dies soll im Rahmen der Neukonzessionierung der Betriebserlaubnis für die BWK erfolgen. Grundsätzlich muß bei der Festlegung der Neuverteilung des Isarwassers gelten, daß die beiden öffentlichen Belange, zum einen die Verbesserung der Restwassersituation an der Isar, zum anderen die Erhaltung der internationalen Bedeutung des Ramsar-Gebietes "Ismaninger Speichersee und Fischteiche" (beides Staatsziel Umweltschutz!), nicht wirtschaftlichen Erwägungen zum Opfer fallen. Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn zur Kompensation einer verringerten Ausleitung von Isarwasser am Oberföhringer Wehr in den Mittleren Isarkanal, die Einspeisung in die Fischteiche zur Disposition gestellt würde. Deren bisherige betriebstechnische Funktion ist überholt. Vor allem aber werden von der BWK dort Sickerverluste von 3-4 m3/s angegeben, die zur Stromerzeugung nicht mehr zur Verfügung stehen. Literaturauswahl zum Thema: DAVIS, T.J. (1994): Das Handbuch der Ramsar-Konvention. Ein Leitfaden zum Übereinkommen über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Watvögel, von internationaler Bedeutung. (Bezug der deutschen Ausgabe: Bundesministerium f. Umwelt, Naturschutz u. Reaktorsicherheit, Referat NI 2, Godesberger Allee 90, 53175 Bonn) KÖHLER, U., P. KÖHLER, E. Krosigk & U. Firsching (1997): Einfluß der Karpfenbewirtschaftung auf die Kapazität des Ismaninger Teichgebietes für mausernde Wasservögel. Orn. Anz. 36(2): 83-93. Krosigk, E. v. (1998): Das Europa-Reservat Ismaninger Teichgebiet. 38. Bericht: 1992-1993. Orn. Anz. 37: 169-192. LOHMANN, M. & M. VOGEL (1997): Die bayerischen Ramsar-Gebiete - Eine kritische Bestandsaufnahme der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege. Laufener Forschungsberichte 5. (Bezug: Bayerische Akademie f. Naturschutz u. Landschaftspflege, Postfach 1261, 83406 Laufen, http://www.anl.de) MITLACHER, G. (1997): Ramsar-Bericht Deutschland. Bericht zur Umsetzung und Wirkung des "Übereinkommens über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Watvögel, von internationaler Bedeutung in der DDR und der Bundesrepublik Deutschland anläßlich der 20jährigen Mitgliedschaft Deutschlands. Schriftenr. f. Landschaftspflege u. Naturschutz, Heft 51. (Bezug: BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftverlag, 48084 Münster, Fax 02501-801-204) ROSE P. M. & D. A. SCOTT 1997: Water Fowl Population Estimates - Second edition. Wetlands international publ. 44 Wageningen Netherlands (ISBN 1 900442 15 9) Ssymank, A., Hauke U., C. Rückriem & E. schröder (1998): Das Europäische Schutzgebietssystem NATURA 2000. BfN-Handbuch zur Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG) und der Vogelschutzrichtlinie (79/409/EWG). Schriftenr. f. Landschaftspflege u. Naturschutz, Heft 53. (Bezug: BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftverlag, 48084 Münster, Fax 02501-801-204)
© Foto: Peter Köhler, Unterföhring Bild 1: Das Ramsar-Gebiet "Ismaninger Speichersee mit Fischteichen" (Blick Richtung Osten). Vom linken unteren Bildrand bis in die obere Bildmitte zieht sich die Kette der Fischteiche. Im linken oberen Bildteil das Westbecken mit der "Kormoraninsel" und dem Sporn des "Tafelberges"; dahinter das Ostbecken des Speichersees.
© Foto: Peter Köhler, Unterföhring Bild 2: Die Ostinsel ("Kormoran-Insel") im Westbecken des Speichersees. Der ältestete regelmäßig besetzte Brutplatz des Kormorans (Phalacrocorax carbo sinensis) in Süddeutschland. Erstbrut 1971, heute regelmäßig ca. 100 Brutpaare auf der Insel und auf dem im Hintergrund sichtbaren Tafelberg. Neben der Kormorankolonie befindet sich hier auch eine Brutkolonie des Graureihers (Ardea cinerea) mit ca. 25 Brutpaaren. In den letzten vier Jahren regelmäßig eine erfolgreiche Brut der Weißkopfmöwe (Larus cachinnans). |
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