Das Leben eines bayerischen Vogelmalers
Franz Murr wurde am 6. November 1887 in Bad Reichenhall geboren und starb am 22. Juni 1964 in München.
Er streifte als Junglehrer die Beengung an einer konfessionell gebundenen Schule ab, um sich frei gewählter Betätigung hinzugeben.
Nach dem Ersten Weltkrieg zunächst noch ohne Beruf, wurde er, verschiedene Stationen berührend, darunter Baden-Baden und Argentinien, schließlich in seiner bayerischen Heimat seßhaft. Reichenhall und München nahmen ihn abwechselnd auf als Künstler, Naturforscher und -schützer.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs - er war wieder Soldat, zuletzt Major gewesen - zwang ihn in die Vaterstadt, bis ihn in den letzten Jahren der Münchener Freundeskreis der Gleichgesinnten ganz an die bayerische Zentrale fesselte.
Nicht nur unter den Ornithologen genoß er höchste menschliche und fachliche Achtung. Kaltes Erwerbsstreben verachtende, ritterliche Lebenshaltung und eine unzerstörbare, auf jahrelangen Gebirgstouren erworbene Hinneigung zur vielfältigen Alpenfauna und -flora stempelten ihn zum beispielhaften Vertreter planmäßig vertiefter Heimatforschung.
Sein von Dr. Walter Wüst zusammengestelltes literarisches Schaffen umfaßt 88 Titel mit erstaunlichem Kenntnisreichtum, in dem die alpine Avifauna einen hervorragenden Rang einnimmt.
Was er zwischen 1920 und 1961 an biologischer Erfahrung niederschrieb, ist mit gesunden, kritischen Sinnen erfaßt und der bayerischen Heimatpresse anvertraut, um die Schutzbestrebungen für die bedrohte Tier- und Pflanzenwelt zu fördern.
Rein vogelkundliche Themen standen neben dem Anzeiger und den Verhandlungen der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern regelmäßig auch im Jahrbuch des Vereines zum Schutze der Alpenpflanzen und -tiere, den Ornithologischen Monatsberichten, Beiträgen zur Fortpflanzungsbiologie der Vögel, Columba, Ornithologischen Berichten, Ornithologischen Mitteilungen, Vogelwelt, Ornithologischer Beobachter, Mitteilungen Thüringer Ornithologen und im Journal für Ornithologie. Das hier niedergelegte Wissen ist ein bunter Blütenkranz, erwachsen aus der Fähigkeit zum echten Erlebnis und der Gabe zu fruchtbarer Auswertung.
Neben dem wissenschaftlich denkenden Ornithologen nahm sich der Künstler mit unbezweifelbarer Vorliebe der Vögel an und hinterließ als Maler auf dem Gebiete der naturwissenschaftlichen Illustration vollendete Leistungen.
Wie sehr ihn die Spannung zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und ästhetisch befriedigender Bildgestaltung bewegte, verraten seine "Gedanken über künstlerische und wissenschaftliche Tierdarstellung" (J. Orn. 86, 1938). Ein immerwährendes Ringen um die Synthese belehrte ihn, daß "der Illustrator nur ein bescheidener Diener" sei, "den die Kunst an die Wissenschaft abgetreten hat". Während er sich der im Grunde bitteren Erkenntnis in Demut beugte, wuchs gerade an dem unüberbrückbaren Gegensatz sein oft mit den sparsamsten Mitteln das Wesentliche treffender Stil.
Ein erheblicher Teil der seit dem zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts erschienenen ornithologischen, naturwissenschaftlichen oder die Alpenwelt behandelnden Veröffentlichungen, die mit Farb- oder Schwarz-Weiß-Bildern und Strichzeichnungen ausgestattet sind, enthält Proben von Murrs Meisterschaft; dazu gehören das Kosmos-Lexikon (1955) und Berndt-Meise, Naturgeschichte der Vögel (1959, 1962, 1966). Eine von Dr. Walter Wüst vorgenommene Aufzählung umfaßt allein 27 Titel aus der Zeitschriften- oder Kalenderliteratur und von großen und kleinen Werken, die nicht vom Maler selbst geschrieben, aber den Stempel der Künstlerhand tragen.
Die Vogelkunde hat dem Kenner, Könner und Idealisten viel zu danken.
Aus: Ludwig Gebhardt (1970): Die Ornithologen Mitteleuropas, Bd.2