Nekrolog auf Dr. Walter Wüst (Ehrenvorsitzender der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern e. V.)
Gymnasialprofessor Dr. Walter Wüst (1906-1993) übernahm 1953 den Vorsitz der Gesellschaft, die gerade 157 Mitglieder zählte. Als er nach fast 25 Jahren den Vorsitz 1977 an seinen Nachfolger übergab, waren es 1108 Mitglieder. In dieser Zeit, aber auch schon vorher und ebenso nachher, gewann er für die Ornithologie, insbesondere für die Feldornithologie, unzählige begeisterte Anhänger.
Es war eine seiner herausragenden Eigenschaften, Menschen der unterschiedlichsten Herkunft für Ornithologie und biologische Fragen zu interessieren. Auf ungezählten Exkursionen mit Studenten oder Mitgliedern der Volkshochschulen und Vereinen war sein Enthusiasmus für die Gefiederten zu spüren.
Seine Doktorarbeit "Über säkulare Veränderungen in der Avifauna der Münchner Umgebung und ihre Ursachen" befaßte sich vor allem mit der durch technische Anlegung von Wasserspeichern und Fischteichen veränderten Ökologie des ursprünglichen Ismaninger-Finsinger Mooses. In diesem Zusammenhang muß die Präzision seiner Aufzeichnungen hervorgehoben werden, die er bei jeder Exkursion oder längeren Forschungsreise mit penibler Genauigkeit einhielt.
Von bedeutsamer Wichtigkeit war für Wüst seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent an der Zoologischen Staatssammlug bei A. Laubmann; sie dauerte von 1932 bis 1935 und führte zu einem Vertrauensverhältnis. Unmittelbar anschließend verbrachte er im Schuldienst einige Jahre in Augsburg.
Nach der Entlassung aus amerikanischer und französischer Kriegsgefangenschaft wurde er 1947 wieder Lehrer in Augsburg, 1952 am Wilhelmsgymnasium in München, an dem er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Lehramt verblieb.
Einen Lehrauftrag für Ornithologie am Zoologischen Institut der Ludwig-Maximilian-Universität München nahm Dr. Wüst ganz besonders ernst. Er hielt seine Vorlesungen bis zum letzten Termin des Semesters, oft noch, wenn ein Großteil der Studenten bereits in Ferien gefahren war. Seine Nachfolger in dieser Stellung waren Jürgen Nicolai, Seewiesen und Dr. J. H. Reichholf, München.
1977 legte er den Vorsitz der Gesellschaft nieder, um sich ganz seinem Lebensziel, der Herausgabe der "Avifauna Bavariae", widmen zu können. Das Werk erschien in zwei Bänden 1981 und 1986. Heute stellen die beiden Bände für alle faunistisch arbeitenden Ornithologen eine unentbehrliche Quellengrundlage dar.
Das Erscheinen der "Bibliographie zur Avifauna Bayerns" 1983 zeigt seinen langen Ateml. In jahrzehntelanger Akribie sammelte er fast 5000 Titel und fügte 1985 in einem Nachtrag weitere 1500 Zitate hinzu. Er selbst war dabei mit 230 Publikationen vertreten.
1981 wurde ihm von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für seine großen Verdienste um die Ornithologie und für sein Lebenswerk der Akademiepreis verliehen.
Der Blick auf den überragenden Ornithologen wird aber der Persönlichkeit Wüsts nur teilweise gerecht. Er war darüber hinaus ein universal gebildeter Mann. Seine Kenntnisse in allgemeiner Zoologie und Botanik gingen weit über das hinaus, was man von einem exzellenten Gymnasialprofessor erwarten durfte. Seine "Tierkunde", die in zwei Bänden ab 1957 in neun Auflagen erschien, fand weite Verbreitung.

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