Schwarzmeerküste - Halbinsel Krim und nördliches Donaudelta

Pfingst-Exkursion der
Ornithologischen Gesellschaft in Bayern

Vom 18. Mai bis 1. Juni 2002 (15 Tage) führte unsere Gesellschaft eine ornithologische Reise in die südliche Ukraine durch. Die Reiseleitung übernahm, unterstützt von örtlichen Fachleuten, unser Vorsitzender Manfred Siering, der auch für weitere Fragen bezüglich ornithologischer Reisen in die südliche Ukraine zur Verfügung steht.

Die Anreise erfolgte per Linienflug mit Austrian Airlines: München - Odessa - München.

Die Ukraine mit ihrer bereits von "asiatischen" Elementen beeinflussten Fauna reizt Ornithologen besonders. Wir wurden in der Tat mit einer 188 Arten umfassenden Liste an beobachteten Vogelarten belohnt, sahen darin jedoch nicht den Hauptzweck.

Die nördliche Küste des Schwarzen Meeres hat ein relativ mildes Klima. Im Mai gibt es dort nicht nur eine Vielzahl von Brutvögeln, sondern auch noch viele durchziehende Arten, die darauf warten, bis ihre Brutreviere in Sibirien eisfrei sind. Die südliche Ukraine, die wir bereisten, zeichnet sich aus durch beeindruckende Küstenlandschaften und schöne, kulturhistorisch interessante Städte wie z.B. Odessa, Simferopol und Jalta.


Rosapelikan (Pelecanus onocrotalus)

Würgfalke (Falco cherrug)

Entsprechend der östlichen, bzw. mediterran beeinflussten Lage sind in diesem Gebiet Vogelarten nachgewiesen, die bei uns nicht oder nur selten vorkommen. Zu erwähnen sind Chukarhuhn, Rostgans, Großtrappe, Zwergtrappe, Gänsegeier, Mönchsgeier, Kranich, Krauskopf- und Rosapelikan, Kurzfangsperber, Schelladler, Kaiseradler, Würgfalke, Zwergscharbe, Dünnschnabelmöwe und viele Limikolen, z.B. Dünnschnabel-Brachvogel, Teichwasserläufer und Terekwasserläufer. Erwähnenswert sind als Brutvögel Jungfernkranich und Schwarzflügel-Brachschwalbe.

Folgende Exkursionsgebiete wurden aufgesucht:

  • Das ukrainische nördliche Donaudelta. Der nördlichste Donauarm führt das meiste Geschiebe mit sich, folglich ist hier eine ausgeprägte Neubildung von Inseln und Bänken aus Feinsedimenten, aber auch Muschel- und Schneckenschalen zu beobachten. Das Gebiet ist mit seinen großen Wassernußbeständen auch botanisch sehr interessant. Hier sind grundsätzlich dieselben Vogelarten wie im rumänischen Teil des Donaudeltas zu erwarten, allerdings in geringerer Häufigkeit. Doch war es interessant, überhaupt einmal den bisher kaum besuchten Nordteil des Donaudeltas aufzusuchen. In der Nähe des kleinen Ortes Vilkovo, wo gerade Erdbeerzeit war, verbrachten wir drei Nächte. Die Ausflüge zu besonders sehenswerten Punkten des Danube Biosphere Reserve (auch auf rumänischer Seite setzt sich dieses Schutzgebiet fort) leitete Dr. MYKHAILO ZHMUD in souveräner Art und Weise.
    Er entwirrte sozusagen den von unzähligen Wasserläufen durchzogenen und gleichförmig aussehenden Schilf- und Gebüsch-Dschungel des Donaudeltas, den er wie die eigene Hosentasche zu kennen schien. Pelikane, Zwergscharbe, Rohrdommeln und überhaupt alle denkbaren Reiherarten, Sichler, Löffler, relativ häufig Moorente, Baum- und Wanderfalke, Ziegenmelker, drei Würgerarten und allenthalben singende Nachtigallen hielten unsere Entdeckersinne in Bewegung. In hoher Dichte brütet hier der Schwarzstirnwürger, dessen papageienähnliche Rufe (geäußert bei Auseinandersetzungen) unvergessen bleiben

  • Schwarzstirnwürger (Lanius minor)

    Odinshühnchen (Phalaropus lobatus)

  • Die Krim-Halbinsel: Unterwegs zur Krim, am nächsten Übernachtungsort in Cherson, hielten wir bei Nova Kahovka an mehreren Gewässern gleich neben der Straße an, um ausgiebig Dünnschnabel- und Schwarzkopfmöwen, fünf Seeschwalbenarten, Odinshühnchen oder Säbelschnäbler zu beobachten.

    Das berühmteste Schutzgebiet auf der Krim, der Steppen-Naturpark Askania Nova, welcher eine eigenartige Geschichte hat, wurde bereits nach dem 1. Weltkrieg eingerichtet. Der Steppen-Naturpark vermittelte uns eine Vorstellung von den ehemals unendlich weiten Steppen Mittelasiens. Die Landschaft, die für sie typische Vogelwelt, und die hier nachgezüchteten Bestände an großen Steppentieren wie dem europäischen Wildpferd (Przewalski-Pferd) und als weiterem Einhufer dem Kulan, einer nördlichen Unterart des Onager beeindruckten uns sehr.


    Kulan-Herde (Equus hemionus kulan)
    Ukrainische Wissenschaftler setzen dort, offenbar mit sehr knappen Mitteln, aber mit viel Enthusiasmus die traditionelle Forschungsarbeit fort. Es war schon Nacht, als wir mit einem Austausch-Bus weiterfuhren. Das gab uns aber Gelegenheit, auch Wald- und Zwergohreule auf unserer Liste zu vermerken. Im Tierpark von Askania Nova sang außerdem unüberhörbar der Sprosser. Das "Sivasch"-Feuchtgebiet am Nordende der Krim-Halbinsel, ist das größte und bedeutendste Lagunen- und Flachwassergebiet westlich des Urals. Besonders bedeutend sind der mehr durch Salzwasser geprägte östliche und der mehr durch Süßwasser geprägte westliche Teil, wo die Rotflügel-Brachschwalbe brütet. Brutvögel der anschließenden Steppe sind Großtrappe und Jungfernkranich. Es ist hier mit vielen durchziehenden Limikolen und Enten zu rechnen.


    Jungfernkranich (Anthropoides virgo)

    Rotflügel-Brachschwalbe (Glareola pratincola)
    Zwei Nächte lang bezogen wir dann in Krasnoperekopsk, nahe der Landenge von Perekop, ein Wohnheim, einen Plattenbau-Prototyp mit dem poetischen Namen "Fantasija". Von hier aus gingen Ausflüge in verschiedene Regionen an der Küste. Viele Orte, die während des Sozialismus beliebte Sommerfrischen und Strandbäder waren, haben ihre Gäste und damit ihre Bedeutung eingebüßt. Das kam der Ausweisung als Schutzgebiet zugute. Besonders interessant fanden alle die Brachschwalben, an denen man ausgiebige Bestimmungsübungen (Rotflügel-? /Schwarzflügel-?) treiben konnte. Maskenschafstelze und Grauammer, Steinkauz, Blutspecht, Brachpieper und, in den Lagunen am Strand, so ziemlich alle vorstellbaren Regenpfeifer waren das Tagesergebnis.
  • Nun ging es auf die eigentliche Krim. Wir folgten dem Sewero-Krimski-Kanal (Nord-Krim-Kanal), der sich zur Bewässerung viele Kilometer lang durch die Halbinsel zieht, bis Feodosia, wo das ganz vorzügliche und neu gebaute Gästehaus "Lidija" fünf Nächte lang den bestmöglichen Komfort bot. Von hier aus ließen sich das Faule Meer und das Asowsche Meer, die Halbinsel Kertsch, das felsige Küsten-Schutzgebiet Karadag in den Ai-Petri Gebirgszügen (bis 1500 Meter hoch) auf der Südspitze der Krim-Halbinsel (Karadag-Schutzgebiet) mit Gänsegeier, Kaiseradler, Würgfalke, Chukarhuhn und Halbringschnäpper, bereisen.
  • Für die Sandwege am Siwasch eignete sich unser großer Bus nicht so gut, wir nahmen dankbar den alternativen Transport mit einem sowjetischen Schulbus-Veteranen einschließlich seiner so beliebten Gardinchen in Kauf. Aber wir kamen auf diese Weise dahin, wo wir wollten: nach Soljanoe, einem fast verlassenen Ort auf der langen Nehrung, "am einsamen Ende der Welt", in einer extremen Landschaft zwischen zwei Meeren, die man kaum beschreiben kann. Am Salzsee von Molochny Liman am Asovschen Meer wurden in der Vergangenheit Rothalsgans und Dünnschnabel-Brachvogel nachgewiesen.


    Nonnensteinschmätzer (Oenanthe pleschanka)

    Kappenammer (Emberiza melanocephala)
    Nonnensteinschmätzer, Kappenammer, Grau-, Zippammer und Ortolan, am Meer Krähenscharben am Brutfelsen, Würgfalke, Alpensegler, Sumpfläufer, Fischmöwe: bunter kann es auf einer vogelkundlichen Exkursion kaum zugehen! Zu allem Überfluss kam noch ein südöstlicher Irrgast an einer straßennahen Lagune hinzu: ein Wüstenregenpfeifer.

  • Ortolan (Emberiza hortulana)

    Wüstenregenpfeifer (Charadrius leschenaultii)

  • Drei weitere Übernachtungen in Privatquartieren in Aluschta, vielleicht etwas eng, aber erträglich gestaltet durch die herzliche Freundlichkeit der Vermieter, erschlossen uns die Küsten der Krim und vor allem des Gebirges. Schlangenadler und Wanderfalke, Gänsegeier, Wespenbussard und eine einheimisch anmutende Vogelfauna in den höheren, gebirgigen Waldgegenden waren unsere überraschenden Feststellungen. Im Bergwald in 700 m Höhe war z. B. der uns vertraute Buntspecht zu Hause und nicht der Flachlandbewohner Blutspecht. Der Gartenrotschwanz hat hier eine Rassengrenze, die wir überschritten: Hier sang die vorderasiatische Unterart des Gartenrotschwanzes (P. phoenicurus samamisicus), intensiver gefärbt und mit weißem Flügelspiegel. Erst gewöhnen mußten wir uns auch an die ganz anders klingenden Warnrufe der Waldlaubsänger und weit über sein Zugziel hinausgeschossen war ein prächtiger Rotkopfwürger, den Mark Piazzi ebenfalls digital festhalten konnte.

  • Rotkopfwürger (Lanius senator)

  • Nikita, berühmter Botanischer Garten und Arboretum in der Nähe von Jalta, oder das Zarenschloss Sawadia konnte man nicht unbesichtigt lassen. Das Andenken an die Kaiserfamilie Romanoff wird ebenso liebevoll wachgehalten und gepflegt wie an die Dreierkonferenz mit Truman, Churchill und Stalin. Die herrliche Küste der Krim birgt allerdings auch so manche verlassene Baustelle oder verfallendes Hotel, wo nach Ende des Sozialismus immer noch kein neuer und besserer Anfang gefunden werden konnte.
  • Rund ums Schwarze Meer und natürlich auch auf der Krim haben viele Völker und Stämme Spuren hinterlassen. Menschen kamen und mussten weichen, herrschten Jahrhunderte lang, wurden unterdrückt oder vernichtet. Als besonders bemerkenswert empfanden wir den islamischen Einfluss, den die Krimtataren hinterlassen haben. Im ehemaligen Schloss des Khans in Bachtschisarai bekommt man einen Eindruck von dieser hochentwickelten Kultur, die glücklicherweise wieder ohne die früheren ideologischen Zwänge dargeboten werden kann.
  • Dann aber kam der Regen: auf der letzten Etappe unserer Busfahrt zum Bahnhof in Simferopol ging er schließlich in Wolkenbrüche über. Wir jedoch verbrachten die letzte Nacht unserer Reise im Trockenen, im Liegewagen nach Odessa, 14 Stunden lang. Unvergesslich die Blicke aus dem langsam fahrenden Zug über die von ständig neuen Gewitterwalzen überrollte Steppe. Blitzeinschläge in große Bäume, Weißstorchkolonien auf Telegrafenmasten in blau und rot leuchtenden Feldern in der Abenddämmerung.

Die würdige Abschiedsvorstellung der ukrainischen Vogelwelt, die wir auf der gewaltigen, zum Hafen hinunterführenden Potemkinschen Treppe erlebten, war ein eilig vorüberfliegender Schwarm von etwa 40 Rosenstaren, gefolgt von drei weiteren Trupps.

Text: Helmut Rennau und Manfred Siering
Fotos: Mark Piazzi
Umsetzung: Stefan Tewinkel


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