Millionenfacher Vogelmord in Ägypten

Die Beobachtungen und Schilderungen des OG-Mitgliedes und BR-Tierfilmers Jens-Uwe Heins sowie von Holger Schulz sind unglaublich und müssen nicht nur Vogelfreunde mit Entsetzen erfüllen.

 

Ein Artikel aus der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Falke, in dem die Autoren Holger Schulz und Jens-Uwe Hein den Vogelfang in Ägypten darstellen, können Sie hier einsehen.

An der gesamten ägyptischen Mittelmeerküste vom Gaza-Streifen im Osten bis zur libyschen Grenze im Westen spannt sich ein 700 km langes System von Japan-Netzen, z.T. dreireihig. Fangsaison ist jedes Jahr von Anfang August bis Mitte November. Jens-Uwe Heins und seine Filmcrew schätzen allein den Wachtelfang auf gut eine halbe Million Vögel pro Jahr. Zusätzlich werden mehrere Millionen Kleinvögel gefangen. Sie haben allein an einem Vormittag 10.000 Neuntöter, Steinschmätzer, Wiedehopfe, Fitisse und viele andere Kleinvogelarten auf einem Markt gefilmt. Die professionell ausgeübten Massenfänge wirken sich in einer nie dagewesenen Weise auf die Bestände der europäischen Zugvögel aus. Niemand von uns darf diesem Treiben tatenlos zusehen. Ich habe organisierten Vogelfang und Vogeljagd in Unterägypten, an der Südküste des Schwarzen Meeres und in Syrien erleben müssen: Dort wurden die erbeuteten Tiere mit Eimern und Schubkarren haufenweise abtransportiert – Opfer männlicher Schießlust, Nachschub für die Präparatorengeschäfte und nur zum Teil Verwertung in der Küche. Der gewerbsmäßige Vogelfang an der ägyptischen Mittelmeerküste aber stellt all das in den Schatten. Hinzu kommt, dass die immer breiter werdende Sahara und die Sahelzone für die meisten Durchzügler ohnehin eine hohe Hürde darstellen – immer mehr „Trittsteine“ des Vogelzuges fallen weg, ihre Abstände vergrößern sich. Spätestens jetzt muss uns klarwerden, dass der Zusammenbruch der Populationen unserer Neuntöter, Steinschmätzer, Gartenrotschwänze, Fitisse, Waldlaubsänger, Dorn- und Klappergrasmücken, Schwalben, Schafstelzen, Wiedehopfe, Drosselrohrsänger, Pirole, Wachteln, Kuckucke und Turteltauben auch mit dem Massenfang in den Durchzugsländern zusammenhängt. Dort beutet man ohne jedes Schuldgefühl Vogelpopulationen aus, ohne sich über die Herkunft seiner Beute Gedanken zu machen – zweifellos auch eine Frage der Bildung in diesen Ländern. Das politische Chaos in Ländern wie Ägypten verstärkt sicher den Trend zum gesetzlosen Handeln – sofern es dort vorher überhaupt jemals Reglementierungen zum Vogelfang gab.

Und bei uns in Europa…?

Bei all den geschilderten Zuständen außerhalb Europas müssen wir allerdings genau so empört über vieles sein, was in der EU und in unserem Land schief läuft. Wir vergleichsweise gut betuchten, auf sehr hohem Niveau jammernden Mitteleuropäer bringen die Vögel auf mannigfaltig andere Weise um wie die Mittelmeer-Anrainer. Man denke an die unzähligen EU-Vorschriften, die im manchen Ländern seit Jahrzenten weitgehend straffrei ignoriert werden. Die Jagd auf Kiebitz, Bekassine, Waldschnepfe, aber auch auf den ökologisch wichtigen Eichelhäher wird betrieben wie eh und je. Diese jeder biologischen Einsicht entbehrende Bejagung erfolgt dabei keineswegs nur in den Ländern Südeuropas, sondern auch in Frankreich (Abschüsse: 435.000 Kiebitze, 275.000 Bekassinen und 1,1 Mio Waldschnepfen jährlich!), Großbritannien und Italien. In Frankreich, Italien und Malta werden jährlich 2,5 Mio Feldlerchen getötet, in Spanien 1,5 Mio Turteltauben. In Österreich ist die „kontrollierte Jagd“ in einem seltsam anmutenden Tiroler Alleingang auf Birkhuhn (2012: 673 Abschüsse) und Auerhuhn (2012: 165 Abschüsse) legal, während man sich im benachbarten Bayern um die letzten Auerhühner sorgt. Wohlgemerkt: Beide Arten stehen auch in Österreich auf der Roten Liste! Das erinnert an den Zwergwalfang Japans „aus wissenschaftlichen Gründen“. Seit 1. Januar 2013 gilt die Europäische Vogelschutzrichtlinie nun auch endlich auf Malta und Zypern. Beide Länder hatten sich bei ihrem EU-Beitritt langfristige Ausnahmeregelungen ausbedungen. Warten wir ab, wie in diesen Inselstaaten der Vogelschutz ab jetzt durchgesetzt wird.

Und vor unserer Haustüre…?

Man denke an die seit Jahrzehnten falsch ausgerichtete Agrarpolitik mit rücksichtsloser Massenproduktion, Bioenergiegewinnung und Entwicklung immer neuer noch effizienterer und die Kassen klingeln lassender Pestizide. So z.B. die Neonicotinoid-Insektizide, die die Nahrungskette in ihren Grundfesten zerstören; dabei geht es nicht nur um die Honigbiene, sondern um nahezu alle wirbellosen Tierarten des Offenlandes. Diese haben bis vor einigen Jahren die Nahrungsbasis für unsere Vögel gestellt.

Was tun?

Wir müssen also unbedingt etwas unternehmen, um unsere Mitmenschen aufzurütteln bzw. das Wissen um die ganze Misere möglichst breit streuen.

Bitte überlegen auch Sie, was Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten tun können, diese Zustände abzustellen; unterstützen und bestärken Sie die Vogel- und Naturschutzverbände, z.B. auch das Komitee gegen den Vogelmord e.V. in ihren schon jahrzehntelang laufenden Bemühungen um einen wirksamen internationalen Schutz ziehender Vogelarten. Im Juli 2013 wird im Magazin National Geographic ein umfangreicher Artikel zum Thema erscheinen, an dessen Erstellung auch das Komitee gegen den Vogelmord e.V. beteiligt ist. In den Zeitschriften „Der Falke“ und „ÖkoJagd“ werden entsprechende Berichte und Aufrufe kommen, eine Unterschriftenaktion bei Avaaz ist geplant und in den Fernsehmedien wird berichtet werden.

Ornithologische Gesellschaft in Bayern e.V.

 

 

 

Prof. Franz Bairlein, Direktor am Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“, Wilhelmshaven, (OG-Mitglied) dazu ergänzend:

Bereits in den 1980er Jahren haben Dr. Herbert Biebach (OG-Mitglied) und andere mit ebenfalls eindrucksvollen Bildern und Daten auf dieses Problem hingewiesen, interessiert hat es damals aber leider niemanden. Die wirklichen Probleme liegen aber tiefer. Dass dort so viele Zugvögel landen müssen und erst deshalb so massenhaft gefangen werden können, liegt daran, dass ihnen im Herbst nördlich des Mittelmeers (so v.a. in der Türkei) die entsprechenden Lebensräume zum entsprechenden Auftanken von Fettreserven fehlen bzw. verloren gehen. Denn ein gut ausgestatteter Zugvogel überfliegt normalerweise diese Küste.

 

Alexander Heyd, Vorsitzender des NABU Bonn, ergänzt:

Der Vogelschutz hat derzeit drei Probleme, die die Arbeit in Ägypten sehr schwer machen: Zum einen ist die politische Situation katastrophal. Es gibt keine funktionierende Polizei, selbst die uns bekannten Natur- und Tierschützer sind weitestgehend „untergetaucht“, weil sie gerade zu überleben versuchen, und es gibt keinerlei Willen Seitens der Behörden, etwas am Vogelfang zu ändern. Zweitens ist die Naturschutzarbeit in Ägypten lebensgefährlich. Aktionen ohne gut ausgebildete, zuverlässige und bewaffnete Bodyguards sind nicht möglich. Und damit kommen wir zu Punkt drei: Uns fehlt das Geld für eine sinnvolle Aktion. Wollten wir in Ägypten aktiv werden, müssten wir mehr als nur eine Kampagne in Europa beenden, um eine Gegenfinanzierung zu haben. Unter einen Budget von 30.000 €/Jahr ist Ägypten kaum durchführbar (davon alleine 15.000 € für Personenschutz!). Im Rahmen des o.g. Artikels in National Geographic werden wir vermutlich eine Protestaktion zu Ägypten starten. Das ist das einzige, was wir derzeit tun können.

Wir bauen allerdings gerade den Libanon als neues Einsatzgebiet für uns auf. Die Situation dort ist so stabil, dass Naturschutzarbeit möglich ist, und es gibt vor allem eine aktive Naturschutzgruppe. Im Libanon werden zwar nicht so viele Vögel wie in Ägypten geschossen und gefangen, aber die Lage ist dramatisch genug.

 

Weitere Informationen auch unter Zugvogelmord an Ägyptens Küste.