Die Ornithologische Gesellschaft in Bayern e.V. verleiht den Walter-Wüst-Preis 2026 an Herrn Valentin Graf für seine Arbeit:
The role of individual variation for seed dispersal and plant recruitment.
Eingereicht wurde diese Arbeit an der Universität Frankfurt am Main zur Erlangung des Doktorgrades. Betreuerin war Frau Dr. Eike Lena Neuschulz, Senior Scientist am „Senckenberg Biodiversity and Climate Research Centre“.
Schon immer waren Interaktionen zwischen Arten ein zentrales Thema der Ökologie. Viele Beispiele für biotische Interaktionen stammen aus der Ornithologie. Bei Interaktionen denkt man meist an Konkurrenz oder Räuber-Beute-Beziehungen. Vögel sind aber auch wichtig für Samenkonsum (Granivorie) und Samenausbreitung. Ein bekanntes Beispiel ist der Tannhäher (Nucifraga caryocatactes) und seine Rolle als Samenfresser bzw. Samenausbreiter der Zirbelkiefer (Pinus cembra) in den Alpen. Aspekte dieser Beziehung wurden von Herrn Graf in seiner Dissertation untersucht. Die Arbeiten umfassen drei Forschungsschwerpunkte:
(1) Variabilität der Bewegungsmuster adulter Tannenhäher beim Deponieren der Samen für den späteren Konsum,
(2) die Unterschiede zwischen juvenilen und adulten Vögeln in ihrem Beitrag zur Samenausbreitung und
(3) die Etablierung von Keimlingen der Zirbelkiefer entlang des Höhengradienten.
Herr Graf konnte zeigen, dass es Unterschiede im Bewegungsmuster zwischen Jung- und Altvögeln, aber auch individuelle Unterschiede bei adulten Individuen gibt. Letztere lassen sich in zwei Klassen einteilen: kurze und lange Flüge zwischen Zirbelkiefern, an denen die Samen geerntet werden, und dem Versteckplatz der Samen. Individuen mit langen Flügen deponieren die Samen in dichten Fichtenwäldern bei einer im Vergleich zum Vorkommen der Zirbelkiefer geringeren Meereshöhe. Diese Verhaltensunterschiede, die nicht von morphologischen Merkmalen der Individuen abhängen, werden als ein Trade-off zwischen der Suche nach Samen, der Flugdistanz und der Nutzbarkeit der Samen im Winter interpretiert. Der Preisträger konnte zudem zeigen, dass Jungvögel im Vergleich zu älteren Individuen die Samen in etwas höher gelegenen Gebieten deponieren. Da die Keimungswahrscheinlichkeit der Samen mit der Höhe steigt, erschließen die Jungvögel für die Zirbelkiefer neue Lebensräume, wenn nicht alle Samen als Nahrung genutzt werden. Letzteres wird mit milder werdenden Wintern zunehmen. Ein Schlüssel für das Verständnis der Interaktionen zwischen Tannhäher und Zirbelkiefer waren daher die Keimungsexperimente im Freiland, mit denen gezeigt wurde, welche Faktoren die Keimung beeinflussen.
Die Arbeiten des Preisträgers sind ein wichtiger Beitrag zur individuellen Variation von Ökosystemfunktionen, die in der Ökologie derzeit wachsende Aufmerksamkeit erfährt. Herr Graf konnte belegen, dass individuelle Verhaltensunterschiede wichtiger sind als morphologische Unterschiede und vor allem, welche komplexen Interaktionen durch die innerartlichen Variationen der beteiligten Arten zwischen ihnen entstehen können. Diese Beziehungen variieren beim Artenpaar Tannhäher-Zirbelkiefer je nach beteiligten Individuen zwischen Granivorie und Mutualismus.
Der Preisträger schlägt mit seinen Untersuchungen eine beeindruckende Brücke zwischen Zoologie und Botanik. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zu den Interaktionen zwischen Tannenhäher und Zirbelkiefer sowie zu deren komplexen Konsequenzen aufgrund der innerartlichen Variabilität beider Partner.
Wir gratulieren Herrn Graf zur Verleihung des Walter-Wüst-Preises und für die dazu geleistete Arbeit. Wir wünschen ihm viel Erfolg für seinen weiteren Werdegang.
Der Walter-Wüst-Preis, der alle zwei Jahre verliehen wird, ist mit 2.000 € dotiert.
Triesdorf, den 7. März 2026
Das Kuratorium für die Vergabe des Walter-Wüst-Preises
