Ornithologen-Persönlichkeiten in Bayern

Wie es einmal war: von 1897 bis heute.

Ornithologie prägt den Menschen

und Menschen prägen die Ornithologie.

von Manfred Siering

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Ein Rückblick auf die vergangenen 117 Jahre Ornithologische Gesellschaft in Bayern ist weitgehend ein Rückblick auf die Ornithologie und die Ornithologen in Bayern schlechthin.

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Die Ornithologische Gesellschaft in Bayern e.V. wurde am 5. Februar 1897 in München gegründet. Von Anfang an veröffentlichte sie ihre ornithologischen Untersuchungsergebnisse in eigenen Zeitschriften. Zusammenkünfte, Vorträge, gemeinsame Reisen und nicht zuletzt der Vogelschutz, damals als Hegung bezeichnet, bestimmten den Gesellschaftszweck. Von Anfang an wurde die Gesellschaft von prominenten Gelehrten und Mäzenen getragen. Sie erreichte schnell ihren internationalen Rang. Mit der Entwicklung der Gesellschaft sind Persönlichkeiten verbunden wie:

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Dr. Carl Parrot, als Sohn eines Arztes geboren 1867 in Castell/Unterfranken, studierte in München, Berlin und Wien Medizin und ließ sich in München als Frauenarzt nieder. Vorzeitig musste er aber wegen asthmatischer Beschwerden auf die Berufsausübung verzichten. Freude an der Naturbeobachtung und vor allem an der Vogelwelt führte den feinsinnigen Liebhaber mehr und mehr zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Stoffgebiet seiner Neigung. Selbstkritik, Studium der Literatur, größere Reisen, ehrenamtliches Wirken an der Zoologischen Staatssammlung in München kennzeichnen den Weg seiner Willensstärke. Er war einer von denen, die das Interesse des Anatomen und Systematikers mit dem des Freilandbeobachters zu verknüpfen wussten. Die Bälge überseeischer Ausbeute behandelte er mit derselben wissenschaftlichen Verantwortlichkeit, mit der er sich dem lebenden Vogel und der faunistischen Erkundung Bayerns widmete. In fast 50 kleineren und größeren Veröffentlichungen reiften zwischen 1890 und 1910 die Früchte seines Wissens. Er fühlte sich daher gedrängt, das seit dem Tode von Andreas Johannes Jäckel (1822-1885) in Bayern fast brachliegende Feld der Ornithologie neu zu bestellen und war maßgeblicher Initiator zur Gründung des Ornithologischen Vereins München, der sich durch den Zustrom frischer Kräfte aus ganz Bayern 1904 zur Ornithologischen Gesellschaft in Bayern erweiterte. Bis zu seinem Tode blieb er der Vorsitzende und gab die Verhandlungen der Ornithologischen Gesellschaft heraus; er verstand auch, die Mitarbeiter zu gewinnen und sie an ungelöste Fragen heranzuführen, wie Studium der bayerischen Besiedlungs- und Zugverhältnisse, Ausbau eines ganz Bayern umfassenden Beobachternetzes mit der Veröffentlichung der "Materialien zur bayerischen Ornithologie", Erforschung der wirtschaftlichen Bedeutung der Vögel durch Magenuntersuchungen, Beringung usw. Als er 1911 im besten Mannesalter unerwartet an den Folgen einer Operation starb, war sein Ansehen nicht nur in Bayern fest gegründet.

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Ludwig Freiherr von Besserer-Thalfingen (1857-1948), ein gebürtiger Münchner, war aktiver Offizier, u.a. in Dieuze/Lothringen; er lebte später in Augsburg, Freising und die längste Zeit als Oberstleutnant a.D. in München. Viele Jahre gehörte er der Schriftleitung des "Deutschen Jäger" an. Von der Jagd her kam er zur Vogelkunde und wurde eifriger Feldornithologe und erfahrener Formenkenner. Griff er zu Anfang der ornithologischen Laufbahn gerne zur Feder, so lagen die Verdienste in den letzten Jahrzehnten mehr auf organisatorischem Gebiet. 1897 war er einer der Gründer unserer Gesellschaft und von 1911 ab ihr Vorsitzender bis zur Auflösung durch die Besatzungsmacht 1945.

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Dr. Hans von Boetticher (1886-1958) bereiste bereits 1913 Eritrea. Durch spätere Faunenforschung auf dem Balkan kam er in Beziehung zu König Ferdinand von Bulgarien (1861-1941), dem er fortan eng verbundener naturwissenschaftlicher Gefährte blieb. 1929 erfolgte eine zweite Ostafrikareise zusammen mit dem befreundeten Monarchen, die ein Sonderheft des J. Orn. 78, 1930, im Gefolge hatte. Seit 1931 lag die Leitung des Naturwissenschaftlichen Museums in Coburg in seinen Händen. Im Vordergrund der Studien standen bei ihm die Phylogenie, Systematik und Zoogeographie. In der Ornithologie reizten ihn vor allem Untersuchungen an Enten, Hühnern und Möwen. In einer Mitteilung über die "Balkan-Lachtaube" erwähnte er als einer der ersten unter den neueren Beobachtern auch die nasalen Laute der Türkentaube. Über 400 Veröffentlichungen wissenschaftlichen und volkstümlichen Inhalts sprechen von seinem Fleiß und seinem vielseitigen Wissen. Sein Bildnis findet sich in Falke 5, 1958, S.97.

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Der gebürtige Wiener Carl Eduard Hellmayr (1878-1944) wurde schon früh von der Liebhaberei des Vaters für die Vogelwelt begeistert. Schon als Gymnasiast gewann er durch Jagen, Sammeln, Präparieren und Literaturstudien das Material für Beiträge zur Ornithologie Niederösterreichs. Die Wohlhabenheit der Eltern gestattete ihm sorgenlose Ausbildung zum Museumsornithologen in Wien, Berlin, München, Tring, Paris und bei Hans Graf von Berlepsch (1850-1915). Er fühlte sich so unabhängig, dass er gar auf Doktordiplom und Staatsexamen verzichtete. Die Laufbahn des Erfolgs öffnete sich ihm mit Hilfe von Anton Reichenow (1847-1941), der ihn für die Bearbeitung der 18.Lieferung "Paridae, Sittidae und Certhiidae" des "Tierreichs", einem Sammelwerk der Preußischen Akademie der Wissenschaften, gewann. Weiterhin galt seine Arbeitsrichtung eindeutig der neotropischen Ornis, auf die er durch die brasilianische Ausbeute von Johann Natterer (1787-1843) und Johann Baptist von Spix (1781-1826) gelenkt wurde. Als 28jähriger begann er mit Geschick, das bis dahin unbedeutende Münchner Museum zu einer der größten deutschen ornithologischen Sammlungen zu entwickeln, indem er fast alle Sendungen aus dem neotropischen Gebiet für das Bayerische Staatsmuseum erwarb. Gleichzeitig gab er in der Stellung des Generalsekretärs der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern von 1911 bis 1920 die "Verhandlungen" heraus. Als die Inflation nach dem 1.Weltkrieg das museale Aufbauwerk lähmte, folgte der Mitbegründer der modernen Systematik 1921 einem Ruf an das Field Museum of Natural History in Chicago, um den großen "Catalogue of Birds of the Americas" fortzuführen. Von 1924-1938 konnte er die Bände 3-11 des Riesenwerks vorlegen. Indes fand er auf die Dauer in der amerikanischen Museumsverwaltung nicht die erhoffte freie Betätigung. Da zudem die Wirtschaftskrise zu erheblichen Etatkürzungen führte, siedelte er 1932 wieder nach Mödling bei Wien über und setzte mit Hilfe des Wiener Museums die Arbeit an seinem großen Werk fort. Die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich vertrieb ihn erneut. Nach kurzem Aufenthalt in London suchte er einen Wohnsitz in der Schweiz und zog sich immer mehr auf sich selbst zurück. Die Anerkennung seiner wissenschaftlichen Verdienste bleibt trotzdem lebendig. Er war einer der ersten und wirksamsten Befürworter von Ernst Harterts nomenklatorischen Reformgedanken und galt als einer der fähigsten Systematiker der Welt.

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Dr. Erwin Stresemann (1889-1972), wohl der bekannteste deutsche Ornithologe unserer Zeit, wurde von seinem Studium 1908 über Jena nach München und Freiburg geführt, er promovierte 1920 in München mit einer Dissertation über "Die Variation der Körpergröße bei Vögeln" und war zusammen mit Carl Eduard Hellmayr an den Sammlungen des Bayerischen Staates beschäftigt. Es entstanden neben der "Avifauna Macedonica" (1920) eine Reihe von Untersuchungen wie die der europäischen Mattkopfmeisen, der europäischen Formen der Baumläufer, der Schwanzmeisen und des Gimpels. Die hier vertretenen geistvollen Theorien (Einfluss der Eiszeit auf die Entstehung nahe verwandter Arten und Rassen, ferner Fragen der Mutationen, der Gefiederwandlungen, der Mauservorgänge, der Taxonomie, des Zuges) brachten für die ältere Generation überraschend neue Gesichtspunkte und deuteten einen Wandel in der Entwicklung der Ornithologie auf Weltebene an, indem sie auch der tiergeografischen Betrachtungsweise Ernst Harterts über das Problem der Subspezies zum Durchbruch verhalfen. Die Ernennung zum Verwalter der Vogelabteilung im Zoologischen Museum von Berlin im Jahre 1921 war daher die erwartbare Konsequenz. Als seine enzyklopädischen "Aves" fertig vorlagen, war er nach dem Urteil der Fachwelt in die Reihen der ganz großen Ornithologen eingerückt. Über 600 Veröffentlichungen aus des Verfassers Feder sind zum 80.Geburtstag des Meisters zusammengefasst worden. Sie bilden ein unentbehrliches Werkzeug für den Wissenschaftshistoriker, der die Bahn des zoologisch und sprachlich gleich begabten Mannes schildern will.

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Dr. Dr. Hans Krieg (1888-1970) studierte in Tübingen und München Medizin und Zoologie. Die noch ungelösten Fragen der Art- und Rassenbildung, eigener Erkenntnisdrang und geistige Unruhe machten ihn zunächst zum Forschungsreisenden. Mehrere Expeditionen nach Südamerika, in den Gran Chaco, nach Westafrika, Ostafrika, Indien und Pakistan sind an seinem Namen geknüpft. Unter den von ihm heimgebrachten Sammlungen wurde die ornithologische Ausbeute aus Paraguay, Argentinien, Bolivien, Brasilien von Alfred Laubmann Bearbeitet. Seit 1927 war er Professor an der Universität München und Direktor der Zoologischen Staatssammlung München, seit 1945 zusätzlich 1.Direktor der Wissenschaftlichen Sammlungen des Bayerischen Staates. In den späteren Jahren schien ihm das vorher auf breiter Basis betriebene wissenschaftliche Sammeln nicht mehr mit der Notwendigkeit des weltweiten Schutzes der Tierwelt vereinbar. Aus derselben Einsicht entsprang die stets grüblerische Auseinandersetzung mit dem Problem Jagd und Naturschutz. Die Präsidentschaft des von ihm 1950 gegründeten Deutschen Naturschutzringes lag 13 Jahre lang in seinen Händen. Und immer stand neben den Säugetieren auch die Vogelwelt als Teilbereich im Blickfeld des Biologen, ohne dass er sich berufen fühlte, zu rein wissenschaftlichen Sachfragen der Ornithologie öfters Stellung zu nehmen. Seit 1927 war er Mitglied der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern, 1950-1953 Vorsitzender, dann Ehrenmitglied.

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Dr. Alfred Laubmann (1886-1965) begann 1906 in München das Studium der Naturwissenschaften. Nach der Promotion 1911 wurde er an der Zoologischen Staatssammlung München neben und unter Carl Eduard Hellmayr wissenschaftlicher Hilfsarbeiter. Die  weitere Laufbahn ist durch folgende Daten gekennzeichnet: 1922 Leiter der ornithologischen Abteilung, 1926 Konservator, später Hauptkonservator, 1927 Professortitel. Die eigenen Forschungen galten den Fragen der Taxonomie und Nomenklatur und sind in einer langen Reihe bedeutsamer Untersuchungen niedergelegt. Doch trübte der dienstliche Umgang mit dem Vogelbalg nicht den Blick und das Verständnis des Zoologen für andere Bereiche der Vogelkunde. Bis ins hohe Alter lieferte er auch als rühriger und scharfsichtiger Feldornithologe aufschlussreiche Berichte aus den verschiedensten Teilen Bayerns. Er wurde, seit 1907 Mitglied, als der Generalsekretär die ruhende Mitte der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern, der Bewahrer ihrer Blüte und der Wegbereiter für die Arbeitsfreude der ihm nachfolgenden Generation. Die Schriftleitung der Verhandlungen bzw. des Anzeigers lag bis 1962 in seinen geschickten Händen.

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Eugen Schuhmacher (1906-1973) stammte aus einem württembergischen Forsthaus. Er wurde Jagdaufseherlehrling, dann Soldat bei der Bayerischen Landespolizei, die er verließ, um in der ornithologischen Abteilung der Zoologischen Staatssammlung München unter Alfred Laubmann zu arbeiten. Nachdem er obendrein bei Anton Fischer (1876-1957) in Augsburg das Präparieren gelernt hatte, wurde er ein geschickter Dermoplastiker, den Hans Krieg als Begleiter und Fotografen auf zwei lange Reisen mit nach Südamerika nahm. Anschließend bot ihm die berufliche Stellung an der Zoologischen Staatssammlung München zusätzlich die Freizeit für ornithologische Exkursionen, aus denen eine größere Reihe von Verlautbarungen erwuchs. Die Freude an der Fotojagd ebnete ihm dann 1938 den Weg in die Kulturfilm-Abteilung der Bavaria-Filmgesellschaft in Grünwald-Geiselgasteig.  Als die Amerikaner 1945 die Auflösung der Gesellschaft erzwangen, flüchtete er in das Wagnis der Selbständigkeit. Neben meisterhaften Fotos zeigte sich seine Geschicklichkeit unter anderem in dem 1949 im Ismaninger Teichgebiet entstandenen Film "Gefiederte Gäste am Rande der Stadt". In der Folgezeit drängte es den tiefer blickenden Beobachter mehr und mehr, für die von der Ignoranz des Menschen bedrohte Tierwelt einzutreten. Unter Förderung durch die IUCN, den WWF, den DNR sowie die Fotofachindustrie suchte er die letzten Zufluchtstätten auf, um aufgrund von Dokumentarfilmen das Daseinsrecht der Tiere zu unterstreichen. Seit 1958 bediente er sich auch des Fernsehens, um unter Verzicht auf pseudowissenschaftliche Beigaben mit der Sendereihe "Auf den Spuren seltener Tiere" Verständnis für die Notwendigkeit großzügiger Rettungsmaßnahmen zu wecken.

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Franz Murr wurde am 6. November 1887 in Bad Reichenhall geboren und starb am 22. Juni 1964 in München. Er streifte als Junglehrer die Beengung an einer konfessionell gebundenen Schule ab, um sich frei gewählter Betätigung hinzugeben. Nach dem Ersten Weltkrieg zunächst noch ohne Beruf, wurde er, verschiedene Stationen berührend, darunter Baden-Baden und Argentinien (Murr lebte zweieinhalb Jahre in Südamerika; seine Eindrücke von Vögeln und Fischen während der Atlantik-Überfahrten im Oktober 1922 und Mai 1925 hielt er in Aquarellzeichnungen fest), schließlich in seiner bayerischen Heimat sesshaft. Reichenhall und München nahmen ihn abwechselnd auf als Künstler, Naturforscher und -schützer. Das Ende des Zweiten Weltkriegs - er war wieder Soldat, zuletzt Major gewesen - zwang ihn in die Vaterstadt, bis ihn in den letzten Jahren der Münchener Freundeskreis der Gleichgesinnten ganz an die bayerische Zentrale fesselte.

 

Nicht nur unter den Ornithologen genoss er höchste menschliche und fachliche Achtung. Kaltes Erwerbsstreben verachtende, ritterliche Lebenshaltung und eine unzerstörbare, auf jahrelangen Gebirgstouren erworbene Hinneigung zur vielfältigen Alpenfauna und -flora stempelten ihn zum beispielhaften Vertreter planmäßig vertiefter Heimatforschung. Sein von Walter Wüst zusammengestelltes literarisches Schaffen umfasst 88 Titel mit erstaunlichem Kenntnisreichtum, in dem die alpine Avifauna einen hervorragenden Rang einnimmt. Was er zwischen 1920 und 1961 an biologischer Erfahrung niederschrieb, ist mit gesunden, kritischen Sinnen erfasst und der bayerischen Heimatpresse anvertraut, um die Schutzbestrebungen für die bedrohte Tier- und Pflanzenwelt zu fördern. Rein vogelkundliche Themen standen neben dem Anzeiger und den Verhandlungen der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern regelmäßig auch im Jahrbuch des Vereines zum Schutze der Alpenpflanzen und -tiere, den Ornithologischen Monatsberichten, Beiträgen zur Fortpflanzungsbiologie der Vögel, Columba, Ornithologischen Berichten, Ornithologischen Mitteilungen, Vogelwelt, Ornithologischer Beobachter, Mitteilungen Thüringer Ornithologen und im Journal für Ornithologie. Das hier niedergelegte Wissen ist ein bunter Blütenkranz, erwachsen aus der Fähigkeit zum echten Erlebnis und der Gabe zu fruchtbarer Auswertung. Neben dem wissenschaftlich denkenden Ornithologen nahm sich der Künstler mit unbezweifelbarer Vorliebe der Vögel an und hinterließ als Maler auf dem Gebiete der naturwissenschaftlichen Illustration vollendete Leistungen.

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Wie sehr ihn die Spannung zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und ästhetisch befriedigender Bildgestaltung bewegte, verraten seine "Gedanken über künstlerische und wissenschaftliche Tierdarstellung" (J. Orn. 86, 1938). Ein immerwährendes Ringen um die Synthese belehrte ihn, daß "der Illustrator nur ein bescheidener Diener" sei, "den die Kunst an die Wissenschaft abgetreten hat". Während er sich der im Grunde bitteren Erkenntnis in Demut beugte, wuchs gerade an dem unüberbrückbaren Gegensatz sein oft mit den sparsamsten Mitteln das Wesentliche treffender Stil. Ein erheblicher Teil der seit 1920 erschienenen ornithologischen, naturwissenschaftlichen oder die Alpenwelt behandelnden Veröffentlichungen, die mit Farb- oder Schwarz-Weiß-Bildern und Strichzeichnungen ausgestattet sind, enthält Proben von Murrs Meisterschaft; dazu gehören das Kosmos-Lexikon (1955) und Berndt-Meise, Naturgeschichte der Vögel (1959, 1962, 1966). Eine von Walter Wüst vorgenommene Aufzählung umfasst allein 27 Titel aus der Zeitschriften- oder Kalenderliteratur und von großen und kleinen Werken, die nicht vom Maler selbst geschrieben, aber den Stempel der Künstlerhand tragen.  1954 gestaltete Franz Murr das Logo der OG-Bayern mit dem fliegenden Tannenhäher, das unsere Publikationen seitdem ziert. "Die Vogelkunde hat dem Kenner, Könner und Idealisten viel zu danken".

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Dr. Eckart Sommerfeld wurde 1908 in München als Sohn eines bekannten, seit 1906 in München lehrenden Physikers geboren. Er begann schon früh, den Blick auf die heimische Vogelwelt zu richten und die Beobachtung unter freiem Himmel oft ernster zu nehmen als den Besuch des Unterrichts. Gefördert wurden tief wurzelndes Naturverständnis und Freude an Exkursionen in der Anfangszeit vor allem durch den Maler Alf Bachmann (1863-1956) und den ehem. Kgl. Bayerischen Leibgrenadier Karl Lankes (1868-1949) sowie durch einige Mitglieder des damals blühenden Bayerischen Vogelliebhabervereins. Der Name des Schülers tauchte daher bereits 1923 in den Annalen der OG-Bayern auf. In den späteren Jahren pflegte er engere Beziehungen zu Alfred Laubmann, Franz Murr, Ulrich Arnold Corti (1904-1969) und Eugen Schuhmacher. Der Kreis der Vertrauten war nie weit gesteckt. Sein Innenleben sowie sein wahres Menschenverständnis öffneten sich nicht vor jedermann. Für unauffälligen Dienst an der Vogelkunde stellte er sich jedoch gerne zur Verfügung. So übernahm er lange - an der Seite von Walter Wüst - die stellvertretende Führung der OG-Bayern. Zurückhaltung kennzeichnete schließlich auch sein Verhältnis zum Gebrauch der Feder. Nur im Anzeiger der OG-Bayern und gelegentlich in der Wiener Egretta meldete er sich zu Wort. Der Avifauna Bayerns galten fünf Arbeiten in W. Wüst: "Bibliographie zur Avifauna Bayerns". Hinzuzufügen wäre die beachtliche Untersuchung "Gefiederstudien an Drosseln" (Anz. Bay. 2, 1930, S. 60-69). Bis ins Alter beherrschte ihn vordergründig das leidenschaftliche Streben nach dem Ausbau einer ornithologischen Sammlung. Jeden toten Vogel, den er erreichen konnte, musste er präparieren und mit wissenschaftlicher Genauigkeit etikettieren. In dieser, dem späteren Geschlecht der privaten Sammler kaum noch bekannten Kunst der Dermoplastik brachte er es zu wahrer Meisterschaft. Das Ergebnis, auf das er mit Stolz blickte, war eine für Faunisten und Systematiker wertvolle Kollektion von weit mehr als 1000 Bälgen. Einem von ihm bearbeiteten Spatzenweibchen widmete er sogar eine seiner letzten Veröffentlichungen (Anz. Bay. 8, 1967, S. 179/80). Die Kostbarkeiten gingen, nach seinem Wunsche, in den Besitz der Zoologischen Staatssammlung München über. Ihn selbst befreite der Tod von schwerem Leiden, nachdem er als Kinderarzt und Medizinaldirektor seine besten Kräfte in den Dienst der Vaterstadt gestellt hatte; er starb 1977 in Ebenhausen-Zell (Isartal).

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Gymnasialprofessor Dr. Walter Wüst (1906-1993) übernahm 1953 den Vorsitz der Gesellschaft, die gerade 157 Mitglieder zählte. Als er nach fast 25 Jahren den Vorsitz 1977 an seinen Nachfolger übergab, waren es 1108 Mitglieder. In dieser Zeit, aber auch schon vorher und ebenso nachher, gewann er für die Ornithologie, insbesondere für die Feldornithologie, unzählige begeisterte Anhänger. Es war eine seiner herausragenden Eigenschaften, Menschen der unterschiedlichsten Herkunft für Ornithologie und biologische Fragen zu interessieren. Auf ungezählten Exkursionen mit Studenten oder Mitgliedern der Volkshochschulen und Vereinen war sein Enthusiasmus für die Gefiederten zu spüren. Seine Doktorarbeit "Über säkulare Veränderungen in der Avifauna der Münchner Umgebung und ihre Ursachen" befasste sich vor allem mit der durch technische Anlegung von Wasserspeichern und Fischteichen veränderten Ökologie des ursprünglichen Ismaninger-Finsinger Mooses. In diesem Zusammenhang muss die Präzision seiner Aufzeichnungen hervorgehoben werden, die er bei jeder Exkursion oder längeren Forschungsreise mit penibler Genauigkeit einhielt.

 

Von bedeutsamer Wichtigkeit war für Wüst seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent an der Zoologischen Staatssammlung München bei Alfred Laubmann; sie dauerte von 1932 bis 1935 und führte zu einem Vertrauensverhältnis. Unmittelbar anschließend verbrachte er im Schuldienst einige Jahre in Augsburg. Nach der Entlassung aus amerikanischer und französischer Kriegsgefangenschaft wurde er 1947 wieder Lehrer in Augsburg, 1952 am Wilhelmsgymnasium in München, an dem er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Lehramt verblieb. Einen Lehrauftrag für Ornithologie am Zoologischen Institut der Ludwig-Maximilian-Universität München nahm Walter Wüst ganz besonders ernst. Er hielt seine Vorlesungen bis zum letzten Termin des Semesters, oft noch, wenn ein Großteil der Studenten bereits in Ferien gefahren war. Seine Nachfolger in dieser Stellung waren Jürgen Nicolai (1925-2006), Seewiesen, und Josef Reichholf, München.

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1977 legte er den Vorsitz der Gesellschaft nieder, um sich ganz seinem Lebensziel, der Herausgabe der "Avifauna Bavariae", widmen zu können. Das Werk erschien in zwei Bänden 1981 und 1986. Heute stellen die beiden Bände für alle in Bayern faunistisch arbeitenden Ornithologen eine unentbehrliche Quellengrundlage dar. Das Erscheinen der "Bibliographie zur Avifauna Bayerns" 1983 zeigt seinen langen Atem. In jahrzehntelanger Akribie sammelte er fast 5000 Titel und fügte 1985 in einem Nachtrag weitere 1500 Zitate hinzu. Er selbst war dabei mit 230 Publikationen vertreten. 1981 wurde dem Ehrenvorsitzenden der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für seine großen Verdienste um die Ornithologie und für sein Lebenswerk der Akademiepreis verliehen.

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Der Blick auf den überragenden Ornithologen wird aber der Persönlichkeit Walter Wüst nur teilweise gerecht. Er war darüber hinaus ein universal gebildeter Mann. Seine Kenntnisse in allgemeiner Zoologie und Botanik gingen weit über das hinaus, was man von einem exzellenten Gymnasialprofessor erwarten durfte. Seine "Tierkunde", die in zwei Bänden ab 1957 in neun Auflagen erschien, fand weite Verbreitung.

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Auszüge aus der Rede von Manfred Siering zum 100. Geburtstag von Walter Wüst

(Festakt im Wilhelmsgymnasium in München am 25. Oktober 2006)

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"Alle Erhebungen, Programme und Untersuchungen gewinnen mit jedem Jahr ihrer Durchführung an Wert. Entscheidend ist, dass sie langfristig durchgeführt und finanziert werden können. Dies gelingt nur in enger Zusammenarbeit zwischen Behörden, Vereinen und Verbänden sowie öffentlichen Forschungseinrichtungen. Die Erhebung fachlicher Grundlagen und die praktische Umsetzung für den Vogelschutz kann aber auch nur in enger institutionalisierter Zusammenarbeit mit der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern e.V. und den regionalen ornithologischen Arbeitsgemeinschaften, den Fachverbänden im Arten- und Biotopschutz (Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. und Bund Naturschutz in Bayern e.V.) und den Universitäten geleistet werden. Die wichtigste Voraussetzung für die Zukunft der Vogelkunde und des Vogelschutzes ist die weitere enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den vielen ehrenamtlichen Vogelkundlern in Bayern.

 

Bei allem Fleiß – unsere Scientia amabilis wäre nicht das, was sie ist, würden nicht auch wir von dem Fieber des Vogelbeobachtens befallen sein. Seine gefiederten Lieblinge in der Natur aufzuspüren, ihrem Gesang zu lauschen, zu schauen und zu staunen, dies waren für Walter Wüst die Momente höchsten Glücks. Schon als kleiner Bub wünschte er sich „ein Buch, in dem alle Tiere drin sind“. Mit vierzehn Jahren begann er, seine Beobachtungen der Vogelwelt akribisch in einem Tagebuch festzuhalten. Bis zu seinem Lebensende fehlt darin kein einziger Tag. Diese Aufzeichnungen bildeten denn auch den Grundstock dessen, was der Gelehrte als sein Lebenswerk ansieht: die „Avifauna Bavariae“, eine minutiöse Bestandsaufnahme der bayerischen Vogelwelt, die er mit 200 Mitarbeitern – Artbearbeitern, zu denen mit acht Vogelarten auch ich mich rechnen durfte – schuf und herausgab. Jedem Vogelkenner und –schützer im Freistaat wurde das 1449 Seiten starke Opus zum unentbehrlichen Nachschlagewerk.

 

Ich habe folgendes, den meisten Verehrern Walter Wüst’s wohl unbekanntes Gedicht in seinem ornithologischen Nachlass gefunden, ein Distichon (griech. Zweizeiler):

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Lerchen-Distichon

Wunderbar, Lerche, steigst du zum Lobe der Schöpfung gen Himmel.

Wenn dich das Auge verliert, lieblich dein Triller erschallt.

Unter dir wallet und brodelt gefangener Menschen Gewimmel,

friedvoller Jahre beraubt unter des Krieges Gewalt.

Jubelnd und schmetternd flatterst du hoch voller Leben und Lust,

unbekümmert und froh, schwerelos scheinend und frei,

Ahnst nicht, wie hoch du mir schlagen kannst lassen das Herz in der Brust,

Weißt nicht, wie sehr du mir bist lebende Seelenarznei.

Fremd und arm ist das Land ohne Lerchen über den Saaten.

Ohne ihr Frühlingsgeläut stumm ist die Wiese am Morgen,

lange bin ich und weit gezogen auf mancherlei Pfaden,

Lerchenlied, wo du ertönst, Heimat, da bin ich geborgen.

Babenhausen, 17. Juli 1946

„Die Begeisterung für die Natur ist mir in die Wiege gelegt worden!“ Wüst sagte mir oft, dass für ihn außer Frage stünde: „Ein Leben mit der Vogelwelt: Ich würd’s wieder so machen!“

Und ich darf in aller Bescheidenheit anfügen: Mir geht es genauso.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!"